Wer zum ersten Mal über eine große Heidefläche läuft, hält sie für Wildnis. Das ist verständlich und doch falsch. Die Heide entstand, weil Menschen ab dem Mittelalter den Wald abholzten, das Vieh hineintrieben und dem Boden über Jahrhunderte die Nährstoffe entzogen. Was blieb, war saurer Sand, auf dem fast nichts wächst außer Besenheide, Wacholder, Borstgras und ein paar zähen Kiefern. Sobald diese Nutzung endete, holte sich der Wald das Gebiet zurück. Genau deshalb wird bis heute gepflegt, und zwar aufwendiger, als die meisten Besucher ahnen.
Der Beginn des Schutzes
Am Anfang stand ein Kaufvertrag. 1906 erwarb der Pastor Wilhelm Bode mit gesammelten Spenden den Totengrund bei Wilsede, um Kiesabbau zu verhindern. Drei Jahre später wurde der Verein Naturschutzpark gegründet, der weitere Flächen aufkaufte und damit den Kern des heutigen Schutzgebietes sicherte. 1921 folgte die offizielle Unterschutzstellung, die Fläche gehört seither zu den ältesten großen Naturschutzgebieten in Deutschland. Heute umfasst das Gebiet rund 23.440 Hektar, wovon nur ein Teil offene Heide ist, der Rest besteht aus Wald, Mooren, Bachtälern und extensiv genutzten Feldern. Der Verein bewirtschaftet Höfe, hält eigene Herden und finanziert die Pflege zu großen Teilen selbst. Diese Konstruktion ist ungewöhnlich und erklärt, warum die Regeln hier strenger sind als in vielen anderen Schutzgebieten.
Die Graue Gehörnte Heidschnucke
Die Heidschnucke ist eine alte, robuste Landschafrasse mit grauem Vlies, schwarzem Kopf und geschwungenen Hörnern, die beide Geschlechter tragen. Sie ist genügsam, verträgt karges Futter und bleibt bei jedem Wetter draußen. Genau diese Anspruchslosigkeit macht sie für die Heidepflege unersetzlich. Die Tiere fressen junge Birken- und Kiefernkeimlinge weg, halten Gräser kurz und verbeißen ältere Heidepflanzen so, dass diese neu austreiben. Begleitet werden die Herden meist von Ziegen, die zusätzlich Rinde schälen und damit den Aufwuchs stärker schädigen als Schafe allein. Ein Schäfer zieht mit der Herde über feste Routen, und wenn Sie morgens früh unterwegs sind, treffen Sie diesen Zug mit etwas Glück. Bleiben Sie dann stehen, halten Sie den Hund fest und lassen Sie die Tiere passieren. Fotos sind kein Problem, Nachlaufen schon.
Entkusseln, Mähen, Plaggen, Schoppern
Die Beweidung allein reicht nicht. Vier Arbeitsschritte ergänzen sie, und alle vier klingen für Ortsfremde erst einmal brutal. Entkusseln bedeutet, junge Bäume von Hand oder mit der Maschine zu entfernen, bevor sie die Fläche beschatten. Mähen verjüngt alte, verholzte Heidebestände, weil die Pflanze aus dem Wurzelstock wieder austreibt. Plaggen ist der radikalste Eingriff: Dabei wird die obere Bodenschicht samt Pflanzen und Rohhumus abgeschält, sodass blanker Sand zurückbleibt. Das entzieht dem Boden Nährstoffe, und genau darauf kommt es an, denn Stickstoffeinträge aus der Luft düngen die Flächen ungewollt und fördern Gräser statt Heide. Schoppern liegt dazwischen, hier wird nur ein Teil der Streuschicht abgetragen. Nach dem Plaggen sieht eine Fläche jahrelang tot aus, dann kommt die Heide aus dem Samenvorrat zurück, oft dichter und vitaler als vorher. Wer im Herbst eine frisch bearbeitete Fläche sieht, sollte also nicht denken, hier sei etwas schiefgelaufen.
Was passiert, wenn nichts passiert
Die Antwort lässt sich in der Region an mehreren Stellen besichtigen. Bleibt eine Heidefläche fünf Jahre unbearbeitet, siedeln sich Birken und Kiefern an, zunächst vereinzelt. Nach zehn Jahren stehen dichte Gruppen, der Boden bekommt weniger Licht, Pfeifengras und Drahtschmiele verdrängen die Heide. Nach zwanzig bis dreißig Jahren ist aus der offenen Fläche ein Vorwald geworden, und die typischen Arten sind verschwunden. Rückgängig machen lässt sich das nur mit erheblichem Aufwand. In ganz Europa sind Heideflächen deshalb selten geworden, große Teile der historischen Ausdehnung existieren nicht mehr. Dass in Norddeutschland noch zusammenhängende Bestände liegen, ist Ergebnis kontinuierlicher Arbeit, nicht glücklicher Umstände.
Bienen, Heidehonig und alte Handwerkstechnik
Ende August, wenn die Besenheide voll blüht, stellen Imker ihre Völker an den Rand der Flächen. Traditionell geschah das in Bienenzäunen, langen überdachten Reihen aus Strohkörben, die Sie an einigen Stellen noch original oder rekonstruiert sehen. Heidehonig ist dickflüssig, gelierartig und schmeckt kräftig herb, was ihn von jedem Blütenhonig unterscheidet. Er lässt sich nicht einfach schleudern, sondern muss gestampft oder gepresst werden, weil er im Wabenbau festsitzt. Die Ausbeute ist gering und stark wetterabhängig, in schlechten Jahren bringt ein Volk kaum etwas ein. Wer echten Heidehonig kauft, zahlt entsprechend, bekommt dafür aber ein regionales Produkt, das direkt mit der Pflege der Landschaft zusammenhängt. Nebenbei bestäuben die Völker die Heide und sichern den Samenvorrat für kommende Verjüngungen.
Moore, Bäche und andere Lebensräume
Zum Schutzgebiet gehören mehr als offene Heiden. Das Pietzmoor bei Schneverdingen ist ein Hochmoor, das über Jahrhunderte für Torfabbau entwässert wurde und heute wiedervernässt wird. Ein Bohlensteg führt hindurch, ungefähr vier bis fünf Kilometer lang, und im Herbst ist das eine der besseren Adressen für Nebelstimmung. Dazu kommen klare Bäche wie Örtze, Luhe, Seeve und Böhme, die sich durch Sand und Wald schlängeln und stellenweise erstaunlich kühl bleiben. In den Wäldern stehen alte Eichen und Wacholderbestände, die teils über hundert Jahre alt sind. Diese Vielfalt an Lebensräumen auf engem Raum ist der eigentliche Grund für den Artenreichtum. Passende Wanderrouten dorthin finden Sie auf der Seite zu Wandern und Radfahren.
Tiere, die Sie mit etwas Geduld sehen
Das Birkhuhn ist die bekannteste Art der Heide und gleichzeitig die gefährdetste. Die hiesige Population gehört zu den letzten im norddeutschen Tiefland, entsprechend empfindlich reagiert sie auf Störungen. Häufiger begegnen Ihnen Heidelerche, Neuntöter, Ziegenmelker in der Dämmerung und Schwarzspecht in den Waldstücken. Im Herbst ziehen Kraniche über die Flächen und rasten teilweise in der Nähe. Am Boden leben Zauneidechse, Kreuzotter und Sandlaufkäfer, alle drei profitieren von den offenen Sandstellen, die durch Plaggen entstehen. Wildschwein, Reh und Damhirsch sind ebenfalls verbreitet, zeigen sich aber meist nur früh morgens oder spät abends. Fernglas mitnehmen lohnt sich, ein Teleobjektiv erst recht, aber Anschleichen bringt nichts. Ruhig auf einem Weg sitzen bleiben funktioniert besser als jede Pirsch.
Was Besucher konkret beitragen können
Auf den Wegen bleiben, Hunde anleinen, nichts pflücken, nicht rauchen, Müll wieder mitnehmen und Drohnen zu Hause lassen. Das ist die kurze Liste, und sie deckt fast alles ab. Dazu kommt: regional einkaufen, also Honig, Wolle, Lammfleisch und Handwerk direkt von den Höfen. Die Erlöse fließen in die Betriebe, die die Herden halten, und damit indirekt in die Pflege der Flächen. Wenn Sie im Sommer kommen, planen Sie den Besuch außerhalb der Stoßzeiten, das entlastet die Wege und Ihre Nerven gleichermaßen. Und falls Sie sich fragen, wann all das am eindrucksvollsten aussieht, hilft die Seite zur Blütezeit weiter. Die Orte, von denen aus Sie starten können, stehen in der Ortsübersicht.